Biographie

Friedrich Guldas Beschäftigung mit dem Clavichord reicht bis in die Anfänge der 1970er Jahre zurück. 1971 machte er bei seinem Ossiacher Festival zum ersten Mal Bekanntschaft mit Paul und Limpe Fuchs und deren Anima-Sound. Die beiden kreierten völlig neue Klänge auf selbstgebauten Instrumenten und zogen Gulda, der ja immer an Erweiterungen seiner Klangspektren interessiert war, sofort in seinen Bann. Zu seinem Instrumentarium, das aus Klavier, E-Piano und Blockflöten bestand, gesellte sich nun das Clavichord hinzu, das er in diesem Stadium noch mit über den Schalllöchern aufgehängten Mikrofonen verstärkte. Die "Anima-Jahre" behielten in Guldas Denken stets einen besonderen Platz und sind auf Schallplatten hinreichend dokumentiert.

Das Clavichord entwickelte sich im 12.-13. Jahrhundert aus dem griechischem Monochord, das aus einem Resonanzkasten bestand, über dessen Länge eine durch einen beweglichen Steg teilbare Saite gespannt war. Eine Weiterentwicklung war das Polychord mit mehreren Saiten zur Darstellung von Zusammenklängen. Das mit Tasten versehene Instrument war die Geburtsstunde des Clavichord. Ein Mettallstift, Tangente genannt, brachte am anderen Ende der Taste die Saite zum Klingen. Noch während des Klingens kann der Spieler den Ton beeinflussen, was zur sogenannten Bebung führt. Bei einem gebundenen Clavichord wird eine Saite von zwei oder drei Tasten an verschiedenen Stellen angeschlagen, wobei je nach Länge der Saite ein anderer Ton erklingt, dadurch werden weniger Saiten benötigt als Tasten vorhanden sind, das ganze Instrument kann also in einem kleinen Kasten untergebracht werden.

Sein ungemein plastischer Anschlag am Flügel intensivierte sich noch mehr durch das fein ziselierte Clavichordspiel. Eine beglückende gegenseitige Befruchtung. Da das Clavichord kein Pedal hat, ist man gezwungen, ausgeklügelte Fingersätze zu wählen, die ein sorgfältig gebundenes Spiel ermöglichen. Das bedingt, dass man auch am Klavier das Pedal ausschließlich als Klangkolorit einsetzt, nicht um mangelnde Technik zu kaschieren.

Im Sommer 1973, im Rahmen seines Musikforums Viktring, spielte Gulda Bachs gesamtes "Wohltemperiertes Clavier" alternierend am Flügel und am Clavichord. Mir lebhaft in Erinnerung ist ein achttägiges Gulda-Festival im Salzburger Petersbrunnhof. Nach einem Einführungsabend am Beginn, an dem Gulda einen Querschnitt durch das bevorstehende Gesamtprogramm bot, folgte am zweiten Tag ein reines Bach-Clavichordkonzert mit ausgewählten Präludien und Fugen aus dem "Wohltemperierten Clavier", der Sarabande aus der dritten englischen Suite sowie der Chromatischen Fantasie und Fuge.

Über Guldas ausverkauftes Konzert im Regensburger Reichssaal war am 20. Juni 1979 in der Mittelbayerischen Zeitung zu lesen: "Gulda spielte verschiedene Nummern aus dem zweiten Band des Wohltemperierten Klaviers zuerst, als Krönung im zweiten Teil das große es–Moll, bei dem er selbst die Augmentationen in der Fuge plastisch zusammenhielt. Wer kann das schon so außer Gulda! Das Italienische Konzert war ein Erlebnis, die chromatische Fantasie und Fuge sensationell! Frei fantasierte Arpeggien, Läufe, Triller und sonstige barocke Spielmanieren wurden langsam zum Jazzidiom umgemünzt. Der Bach hatte schon Swing in sich, nur weil ihn kaum jemand so rhythmisch einwandfrei spielt. Jetzt war der Swing da. Vorher hatte er eine eigene Gavotte präsentiert, die aus ganz bravem Barock zu einem jazzikalen Feuerwerk wurde. Alles so selbstverständlich und musikalisch richtig. Wieviele Jazzer bemühen sich in Combo und Bigband um so etwas. Er macht`s alleine, weil er ein richtiger Musiker ist."

Im Februar 1980 gab Gulda im Linzer Brucknerhaus ein reines Bach-Clavichordkonzert. Am Schluß seiner Rezension bemerkte Gerhard Ritschel in den Oberösterreichischen Nachrichten: „Lebendiger Bach – bevor man diesen Ausdruck wieder einmal gebraucht, wird man an Guldas Bach zurückdenken und an ihm messen müssen. Am Ende feierten alle Gulda wie ein Idol und wollten noch immer mehr hören“.

Bei seinen drei Konzerten in Wien vom Oktober 1978, erschienen bei MPS als "Message from G.", setzte Gulda sowohl das Widmayer als auch das Neupert-Clavichord nicht nur für Bach, sondern auch als wesentliches Klangkolorit bei seinen Goethe-Bearbeitungen des Westöstlichen Diwans ein, erhob also das Clavichord zum grenzüberschreitenden Instrument. Am Ende einer seiner vormittäglichen Bachmeditationen am Clavichord meinte er leise: "Schad‘, jetzt bin i wieda da!".

Releases

News

  • Ansicht