Komponisten
Benjamin Britten Gustav Holst Johann Sebastian Bach Rhiannon Randle
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Genre
Chormusik
Erschienen am
16.10.2020
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„Mitten im kalten Winter, wohl zu der halben Nacht“ – zu diesem Zeitpunkt sei Jesus geboren, singt man im Weihnachtslied „Es ist ein Ros’ entsprungen“. Das Licht, das durch die Kälte und Dunkelheit dringt, ist ein zentrales Sujet der weihnächtlichen Kunst und Musik und Teil vieler winterlicher Traditionen auf der ganzen Welt. An Weihnachten feiern Christen die Erlösung der Menschheit, welche mitten in der Dunkelheit geschieht, ausgedrückt durch das Symbol des Lichts. Mit „O nata lux“ widmen sich die Zurich Chamber Singers diesem Symbol, wie es seit Jahrhunderten in der westlichen Kunstmusik klanglich erlebbar wird. Das Licht führt dabei durch die Advents- und Weihnachtsgeschichte, wie sie in Strophenlieder und Motetten aus den Jahrhunderten vom 16. bis zum 21. Jahrhundert erzählt wird.

Diese Erzählung beginnt mit zwei Werken, deren Text zwar nicht zu den Liturgien von Advent oder Weihnachten gehört, jedoch sich ebenso dem Lichtsymbol klingend widmen: „O nata lux de lumine“ („O Licht, aus Licht geboren“) ist der lateinische Text eines Offiziumshymnus, der in vielen Kirchen am Fest der Verklärung Christi gesungen wird. Er beschreibt eine Geschichte aus dem Lukasevangelium, wonach Christus mit seinen Jüngern auf einem Berg mit einem übernatürlichen Licht zu strahlen begonnen hätte. Dieser kraftvolle Text erklingt hier zweimal: Zuerst in einer fünfstimmigen Motette des englischen Komponisten Thomas Tallis (ca. 1505–1585), in welcher das immer stärker werdende Licht mit einem kraftvoll-homophonen Gestus vom vollen Chor präsentiert wird und mit sehr prominent eingesetzten Querständen zum Strahlen kommt.

Dieser Motette steht ein zeitgenössisches Werk mit demselben Text gegenüber: „O nata lux“ von Rhiannon Randle (*1993). Dieses Auftragswerk, entstanden im Jahr 2018 für die Zurich Chamber Singers, hat enge musikalische Bezüge zu Tallis‘ über vierhundert Jahre früher komponiertem Stück. Dem Gedenken an ihre Großmutter gewidmet, ist Randles Motette ein manchmal meditativ-introvertiertes, dann mit Trost und Zuversicht selbstbewusstes Chorstück. Randles unverkennbares Feingefühl für die Ausdruckskraft der menschlichen Stimme entwickelte sie in jahrelanger Erfahrung als Komponistin und Musikerin, welche sich von britischen Kapellchören bis zur Opernbühne ausbreitet. Ihre eigene chorische Tonsprache vereinigt sich in „O nata lux“ mit der Renaissance-Vokalpolyphonie von Tallis zu einer fast brucknerschen Klanglichkeit.

Nicht nur in liturgischen Texten wie „O nata lux de lumine“, sondern auch in adventlichen Strophenliedern erscheint Licht als ein Symbol für die Hoffnung und die Erwartung des Weihnachtswunders. Bereits erwähnt wurde die Beschreibung der adventlichen Dunkelheit im Strophenlied „Es ist ein Ros‘ entsprungen“, hier in der bekannten vierstimmigen Harmonisierung Michael Praetorius‘ (1571–1621). Noch prominentere Lichtsymbolik erscheint im Adventslied „Nun komm der Heiden Heiland“ von Lucas Osiander dem Älteren (1534–1604) über einen Text Martin Luthers, in welchem die weihnächtliche Krippenszene folgendermaßen beschrieben wird:

„Dein Krippen glänzt hell und klar,
die Nacht gibt ein neu Licht dar.
Dunkel muss nicht kommen drein,
der Glaub bleib immer im Schein.“

In diesem Programm werden diese zwei frühneuzeitlichen Kantionalsätze durch Stephan Claas‘ (*1968) Bearbeitung von „Maria durch ein Dornwald ging“ ergänzt, einem Wallfahrtslied des 19. Jahrhunderts, das im letzten Jahrhundert zu einem der beliebtesten deutschsprachigen Weihnachtslieder der Welt wurde.

Aus dem reichhaltigen Repertoire französischer Chormusik zu Weihnachten folgen drei Hirtenlieder. In der biblischen Weihnachtsgeschichte ist gerade die Erzählung von den Hirten von Lichtsymbolik durchdrungen: Die plötzlich erscheinenden Engel machen den ihre Herde bewachenden Hirten die Nacht zum Tag. „Ein Engel, noch glänzender als eine Fackel“ („une ange plus reluisant qu’un flambeau“) erscheint im Lied „Nous étions trois bergerettes“, arrangiert von Madeleine Perissas (1906–1971). Dieses Licht durchtränkt alsbald die ganze Nacht, eindrücklich beschrieben im Lied „Ô nuit brillante“ für Männerchor: „O leuchtende Nacht, voller lebender Pracht, dein strahlendes Licht bringt den Tag in mein Herz.“ („Ô nuit brillante, nuit de vive splendeur, ta lumière éclatante fait le jour dans mon cœur.“) In diesem Stück wurde die Wärme dieses nächtlichen Scheins sehr eindrücklich vertont von Abbé Joseph Bovet (1879–1951), einem Schweizer Priester, aus dessen über 2000 Werken auch das dritte Hirtenlied dieser Gruppe stammt: das gleichstimmige „Quittez vos houlettes“.
Zur dritten Gruppe von Weihnachtsliedern überführt Benjamin Brittens (1913–1976) doppelchörige Motette „A Hymn to the Virgin“. Komponiert vom sechzehnjährigen Britten während seiner von häufiger Krankheit unterbrochenen Schulzeit an der Gresham School, vertont das Stück ein makkaronisches Gedicht aus englischen und lateinischen Gedichtzeilen. Auch dieses Werk beginnt gleich mit einer Beschreibung des Lichts, mit dem hier die Jungfrau Maria verglichen wird: „Eine, die so rein und strahlend ist wie der Meerstern, strahlender als der helle Tag: Mutter und Jungfrau“ („Of one that is so fair and bright velut maris stella, brighter than the day is light: Parens et puella.“)

Nach all diesen Liedern und Motetten sind wir musikalisch im Bethlehemschen Stall angelangt: Drei deutsche Weihnachtslieder beschreiben die Szene an der Krippe. Neben dem Wiegenlied der Hirten, einem Volkslied aus Kłodzko (Polen), das Max Bruch (1838–1920) im Jahr 1915 arrangierte, sind dies zwei Werke Johann Sebastian Bachs (1685–1750). Sowohl „O Jesulein süß“ und „Ich steh’ an deiner Krippen hier“ gehören zu Bachs Beiträgen zu Georg Christian Schemellis Gesangbuch von 1736. Ursprünglich zweistimmig für Gesang und bezifferten Bass, werden diese hier in vierstimmigen Ausarbeitungen gesungen. Wie schon in Martin Luthers „Nun komm der Heiden Heiland“ erfährt man hier vom strahlenden Jesuskind in der Krippe: „Ich lag in tiefster Todesnacht, du wurdest meine Sonne (...) O Sonne, die das werte Licht des Glaubens in mir zugericht‘, wie schön sind deine Strahlen“.

Mit zwei Kompositionen über den Text „O magnum mysterium“ wird an dieser weihnachtlichen Szene zurückgehorcht an die Entstehung des Lichts in der adventlichen Dunkelheit – ausgedrückt durch die zwei Werke „O nata lux“ von Tallis und Randle. Auf die vierstimmig-polyphone Motette „O magnum mysterium“ von Tomás Luis de Victoria (1548–1611) folgt hier eine Vertonung desselben Textes des finnischen Komponisten Marcus Paus (*1976). In diesem Werk für Chor und Marimba, einem ausgedehnten, meditativen Marimbasolo im Zentrum, erkundet der Komponist die klanglichen Möglichkeiten dieses Texts in allen Facetten. Er schreibt: „Der Beginn des Stücks fiel mir sofort ein; ich wusste, dass ich die an eine Kathedrale erinnernden tiefen Marimba-Tremoli eine geheimnisvolle Ausdruckskraft besitzen, welche man wegen der physikalischen Beschaffenheit des Instruments kaum erwarten würde, und welche zu uns aus einer fernen Welt sprechen vermag.“

Dieses Programm schließt mit dem großartigen, achtstimmigen Magnificat von Hieronymus Praetorius (1560–1629). Nach norddeutsch-lutherischer Tradition werden hier Weihnachtslieder als sogenannte Interpolationen zwischen den Versen eingebracht: „Joseph, lieber Joseph mein“ und „In dulci jubilo“. Die musikalische Erzählung dieses Programms, begonnen in der voradventlichen Dunkelheit, kulminiert in dieser zwischen liturgisch gebundener Vokalpolyphonie und weltlichen Weihnachtsliedern oszillierenden Komposition. Auch hier hört man, wieder in makkaronischer Verschränkung zweier Sprachen: „Unsers Herzens Wonne liegt in praesepio, und leuchtet als die Sonne.“ Unsere weihnachtliche Erzählung endet mit dem Weihnachtslied „In the bleak midwinter“ von Gustav Holst (1874–1934), über einem Gedicht von Christina Rossetti. Auch nach Weihnachten mag stets noch eine gewisse Kälte und Dunkelheit herrschen. Nun aber, nach dem Besuch des strahlenden Christkinds in der Krippe, trägt man das weihnachtliche Licht mit sich ins neue Jahr.

Komponisten
Benjamin Britten Gustav Holst Johann Sebastian Bach Rhiannon Randle
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Chormusik
Erschienen am
16.10.2020

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