Komponisten
Aaron Copland Astor Piazzolla Jean Francaix Leonard Bernstein Philipp Glass Quincy Jones
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Genre
Kammermusik
Erschienen am
05.03.2021
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Nadia Boulanger oder: Unterrichten als Beziehungskunst

„Ich pflegte zu sagen, der Komponist müsse weit voraus in die Zukunft seiner Musik schauen können. Dies scheint mir die männliche Denkweise zu sein: zugleich an die ganze Zukunft, an das ganze Schicksal des Gedankens zu denken und sich im voraus auf jede mögliche Einzelheit vorzubereiten. Dies ist die Art, in der ein Mann sein Haus baut, seine Angelegenheiten ordnet und sich zu seinen Kriegen rüstet. Die andere ist die weibliche Denkweise, die mit gutem Urteilsvermögen die nächstliegenden Folgen eines Problems in Betracht zieht, es indessen versäumt, sich auf entferntere Ereignisse einzustellen. Dies ist die Art der Schneiderin, die das wertvollste Material verarbeiten könnte, ohne daran zu denken, ob es lange hält, wenn es nur jetzt in diesem Augenblick die gewünschte Wirkung hervorbringt. Es braucht nicht länger zu halten als die Mode. Dies ist die Art mancher Köchinnen, die einen Salat zubereiten, ohne danach zu fragen, ob alle Zutaten die richtigen sind und gut zueinander passen, ob sie sich zufriedenstellend vermischen. Es wird eine französische - oder vielleicht eine französisch-russische Sauce - darüber gegossen und damit alles verbunden. Komponieren nach solchen Anweisungen ist folglich nichts als das Produzieren eines bestimmten Stils.“ (Der Segen der Sauce, S. 150)

Arnold Schönberg polemisierte 1948 gegen eine ungenannte Person weiblichen Geschlechts. Gemeint war zweifelsohne Nadia Boulanger. Denn außer ihr gab es zu dieser Zeit keinen anderen weiblichen Kompositionslehrer, französisch-russisch war ihre Herkunft, und französisch-russisch war auch ihre Zusammenarbeit mit Schönbergs Antipoden, Igor Strawinsky.

Über 70 Jahre sind seit Schönbergs chauvinistischer Polemik vergangen, und die Frage, was denn in wessen Augen als innovativ gelten kann und was nicht, stellt sich heute anders. Entsprechend hat sich auch je nach ästhetischem Standpunkt die Bewertung der verschiedenen Musikrichtungen, die sich mit Nadia Boulanger verbinden, differenziert.
Der Name Nadia Boulanger ist musikhistorisch mit dem Neoklassizismus und insbesondere mit Igor Strawinsky verbunden. Ein kurzer Blick auf ihre Schüler:innenlisten jedoch genügt, um zu sehen, dass sie in über sechzig Jahren Lehrtätigkeit Schüler und Schülerinnen ganz unterschiedlicher Ausrichtungen ausgebildet hat. Vor allem fallen die Internationalität ihrer Schülerschaft und deren stilistische Bandbreite auf: von den Werken eines Protagonisten der amerikanischen Moderne, Elliott Carter, über die sogenannte Gebrauchsmusik eines Aaron Copland bis zu den Tangos von Astor Piazzolla, von der "musique concrète“ des Pierre Schaeffer über den neoklassizistischen Stil von Jean Francaix bis zur Popmusik eines Quincy Jones und der Filmmusik eines Michel Legrand. Auch zahlreiche Frauen wurden von ihr ausgebildet, darunter die Türkin Idil Biret, die Engländerin Thea Musgrave, die Amerikanerin Marion Bauer und die Polin Grazyna Bacewicz. Von einer Boulanger-Schule im Sinne eines bestimmten Stils kann folglich wohl kaum die Rede sein. Zwar gab es den Begriff der „Boulangerie“, ein liebevoll-ironisches Wortspiel, um Schüler und Freunde von Nadia Boulanger zu kennzeichnen, aber mit diesem Begriff ist nicht ein Stil, sondern vielmehr ein bestimmter Geist verbunden.

Das Quellenmaterial zu ihrem Unterricht besteht in erster Linie aus reicher Erinnerungsliteratur: So haben zahlreiche Schüler:innen, auch Freunde wie Leonard Bernstein oder Yehudi Menuhin zu beschreiben versucht, was denn eigentlich Nadia Boulanger befähigt hat, über Jahrzehnte für junge Menschen aus aller Welt wegweisend zu wirken. Da ist dann die Rede nicht nur von ihrem umfangreichen Wissen, von ihrem unvergleichlichen musikalischen Gehör (Yehudi Menuhin) und davon, dass sie "in Tönen dachte" (Igor Markewitsch), sondern auch von „enthousiasme“ und "rigueur“ (Paul Valéry), von einer "speziellen Verbindung aus Energie und Aufmerksamkeit“ bzw. aus „französischer lntellektualität und russischer Seele“ (Yehudi Menuhin). Was alle Zeugnisse miteinander verbindet: Sie beschreiben weniger den Unterrichtsablauf als die Persönlichkeit der Lehrerin, so etwa Lennox Berkeley, in den zwanziger Jahren einer der ersten englischen Schüler von Nadia Boulanger:
„Man hat mich oft gefragt, wie der Ruhm Nadia Boulangers als Lehrerin zu erklären sei, wodurch sie mit soviel Erfolg jungen Komponisten zu einer eigenen musikalischen Sprache habe verhelfen können und welche Methode sie benutzt habe. Ich würde sagen, daß sie niemals irgendeine Methode benutzt hat; außer dem konventionellen Harmonielehre-, Kontrapunkt- und Instrumentationsunterricht. Sie mißtraute allen musikalischen Systemen. Tatsächlich war es die Kraft ihrer Persönlichkeit und das Beispiel, das sie durch ihr Leben gab, das vollkommen auf die Musik konzentriert war, was einen so beflügelnden Einfluß ausübte. Sie inspirierte uns, sie vermittelte uns ein Bewußtsein von der Notwendigkeit, eine eigene Kompositionstechnik zu erlernen, für die kein Kraftaufwand zu groß war. Außerdem bestand sie auf der Kenntnis der vergangenen Komponisten, und auf dieser Basis half sie uns, ein Formgefühl zu entwickeln. Ihre Analysekurse waren unvergeßlich [...].“ (Mademoiselle, S. 124)
Nadia Boulanger hat weder ein umfangreiches kompositorisches Werk hinterlassen noch eine Harmonie- oder Kompositionslehre geschrieben, Veröffentlichungen, auf denen in der Regel die Autorität eines Kompositionslehrers beruht. Ihr ‚Werk‘ entstand während des Unterrichtens, im Gespräch, im lebendigen Austausch mit ihren Schülern und Schülerinnen:

„Nadia Boulanger beeindruckte durch eine ganz besondere Verbindung von Energie und Aufmerksamkeit. Ohne jede Doppeldeutigkeit, bestand der Charme, den sie ausstrahlte, aus einer Mischung aus Männlichkeit und Weiblichkeit. Sie hielt sich sehr aufrecht, ihre Bewegungen waren voller Eleganz, ihr Blick ausgesprochen lebhaft. Ein Blick, immer bereit sich zu interessieren, ob es sich darum handelte zu staunen oder in Entzücken zu geraten. Ja, eine seltsame Mischung aus Kraft, Intelligenz und einer beherrschten Sensibilität. In allem zeigte sie absolute Selbstbeherrschung. [...] Selbst diejenigen, die nicht ihre Schüler waren, wissen sehr gut, daß ihr Unterrichten auch ein Dialog war, ein Teilen. Sie mußte ein Treffen kreieren, ein Erwachen provozieren. Das vollzog sich nicht immer ohne Schwierigkeiten, denn zwischen einem solchen Geist und eingeschüchterten Schüler:innen oder angesichts einer solchen Anforderung ängstlich gewordenen, konnte sich Verlegenheit ausbreiten. In diesem Moment entfaltete Nadia Boulanger alle Ressourcen ihrer lntelligenz, sie war offen für alle Fragen und zugänglich für tiefste Beunruhigungen. Dann, durch einen erstaunlichen Rückzug, rief die Herrschaft, die sie scheinbar ausüben wollte, in ihrem Gesprächspartner einen Willenssprung hervor und brachte ihn dazu, das Wahrste von sich selbst zu geben.“ (Antoine Terrasse, S. 53)

Nadia Boulangers Unterrichtskunst war also Ausdruck einer an den Moment gebundenen Beziehungskunst, unwiederholbar und schriftlich nicht zu fixieren. Hierin liegt eine strukturelle Parallele zu der für die Geschichte der französischen Kultur so wichtigen Funktion von Salons. Um die gewünschte Intimität zu gewährleisten, blieb die Zahl der Zugelassenen beschränkt und die Zulassung von der Erfüllung gewisser Kriterien, wie zum Beispiel hoher Bildungsstand und Zugehörigkeit zu einer höheren sozialen Klasse abhängig. Die Exklusivität ist sehr wichtig in diesem Zusammenhang. Man kannte sich untereinander, traf sich regelmäßig über Jahre, war von den gleichen Ideen durchdrungen. Die Pariser Salons waren Zentren einer hoch entwickelten urbanen Kultur und in mancherlei Hinsicht das Modell, auf das sich Nadia Boulanger bewusst oder unbewusst in der Gestaltung ihres Unterrichts und des Raums, in dem er stattfand, bezog. So musste man z.B. zu ihren berühmten Analysestunden, die jeden Mittwochnachmittag in ihrer Wohnung in der Rue Ballu am Montmartre stattfanden, eingeladen werden. Zahlen konnte man für diese Stunden nicht, obwohl Nadia Boulanger vom Unterrichten lebte. Nach dem Gruppenunterricht wurde Tee gereicht, und die Studierenden diskutierten mit Gästen, darunter häufig nicht nur Komponisten, sondern auch Schriftsteller, Philosophen, Maler.

Zurück zu Arnold Schönbergs anfangs zitierter Polemik: weder von „Anweisungen“, noch von einem „bestimmten Stil“, noch gar von der „Produktion“ eines bestimmten Stils kann also bezogen auf Nadia Boulanger die Rede sein, wohl aber von einer Denk- und Arbeitsweise, die kulturell mit der Zuschreibung „weiblich“ konnotiert war - nun, anders als von Schönberg gedacht, im positiven Sinne. Im Übrigen: Die Entwicklungen nach 1989 haben gezeigt, dass Nadia Boulanger sehr weit in die Zukunft geblickt hat.

Komponisten
Aaron Copland Astor Piazzolla Jean Francaix Leonard Bernstein Philipp Glass Quincy Jones
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Kammermusik
Erschienen am
05.03.2021